Was ist Modafinil?
Modafinil (Markennamen Provigil, Modalert) ist ein Eugeroikum, also ein Wachheits-Förderer. Der Begriff ist wichtig, weil er die Substanz bewusst von der Klasse der klassischen Stimulanzien abgrenzt: Modafinil ist strukturell und pharmakologisch kein Amphetamin-Derivat. Klinisch ist es zur Behandlung übermäßiger Tagesschläfrigkeit bei Narkolepsie, obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom und Schichtarbeiter-Syndrom zugelassen.
Der praktische Unterschied zu einem Stimulans beschreibt sich am ehesten so: Modafinil erzeugt keinen Antrieb, es entfernt die Müdigkeit. Der subjektive Zustand ist eher "nicht müde" als "aufgedreht", ohne die ausgeprägte Euphorie, den Rebound und den Appetit-Kollaps, die typischerweise mit Amphetaminen einhergehen.
Diese Information dient ausschließlich Forschungs- und Bildungszwecken. Keine medizinischen Empfehlungen.
Wie es wirkt
Der Mechanismus ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt, aber zwei Ebenen sind gut belegt. Erstens hemmt Modafinil den Dopamin-Transporter (DAT) und erhöht dadurch den extrazellulären Dopamin-Spiegel. Die PET-Arbeit von Volkow und Kollegen (JAMA 2009) zeigte am Menschen, dass 200mg und 400mg die Dopamin-Transporter im Striatum in erheblichem Umfang besetzen und Dopamin im Nucleus accumbens ansteigt. Entscheidender Unterschied zu Amphetaminen: Modafinil blockiert nur die Wiederaufnahme, es treibt Dopamin nicht aktiv aus den Speichervesikeln heraus.
Zweitens greift Modafinil indirekt in die Wach-Systeme des Hypothalamus ein - orexinerge und histaminerge Bahnen werden aktiviert, kortikale Katecholamine steigen, GABA-Spiegel sinken. Das sind nicht die generellen Antriebs-Systeme, sondern genau die Schaltkreise, die den Schlaf-Wach-Rhythmus regeln. Daher das ruhige Wirkprofil.
Wirkorte
Ein Rezeptor, mehrere Organe
Punkt oder Karte antippen. Farbe = Rezeptor, grau = in Studien beobachtet.
- Gehirn
Dopamin-Transporter besetzt, mehr freies Dopamin2
DAT - Darm
CYP3A4 in der Darmwand angeregt, andere Wirkstoffe sinken6
In Studien beobachtet - Leber
Abbau vor allem über Amid-Hydrolyse, unter 10 % unverändert ausgeschieden1
In Studien beobachtet - Herz und Kreislauf
Blutdruck und Puls stiegen in der höchsten Stufe, Abbruch nach 3 Tagen7
In Studien beobachtet - Haut
Selten schwere Hautreaktionen, meist in den ersten 5 Wochen10
In Studien beobachtet
Ziele in der Datenbank ChEMBL12
Wirkstoff CHEMBL1373: ein erfasster Mechanismus, Hemmer, direkte Bindung.
Eugeroikum vs klassisches Stimulans
- Modafinil (Eugeroikum): reine Wiederaufnahme-Hemmung am DAT plus orexinerg-histaminerge Aktivierung. Langsamer Anstieg, Halbwertszeit 12-15 Stunden, geringe Euphorie, niedriges (aber nicht null) Missbrauchspotenzial.
- Amphetamin-Typ: aktive Freisetzung von Dopamin und Noradrenalin aus den Vesikeln. Schneller Anstieg, ausgeprägte Euphorie, deutlicher Rebound beim Abklingen, hohes Missbrauchspotenzial.
- Praktische Folge: Modafinil ist schlechter steuerbar nach hinten (die lange Halbwertszeit lässt sich nicht zurücknehmen), dafür ohne den Crash am Abend.
Vergleich
Modafinil und seine Verwandten
Derselbe Wirkstoff als Gemisch oder nur die R-Form, als Generikum oder Marke, so wie im TPD-Lexikon beschrieben. Ein Klick öffnet den Eintrag.
Alle setzen am Dopamin-Transporter an. Die R-Form wird langsamer abgebaut, deshalb hält sie länger an. 127
Pharmakokinetik: warum der Zeitpunkt zählt
Nach oraler Gabe wird der maximale Plasmaspiegel nach 2 bis 4 Stunden erreicht, der Steady-State innerhalb von 2 bis 4 Tagen. Die Eliminationshalbwertszeit liegt bei 12 bis 15 Stunden (Robertson & Hellriegel, Clinical Pharmacokinetics 2003). Das ist der praktisch wichtigste Wert der gesamten Substanz.
Rechne es einmal durch: eine Dosis um 13 Uhr hat um Mitternacht noch rund die Hälfte des Spitzenspiegels im Blut. Deshalb gilt in praktisch jedem Protokoll die gleiche Regel - früh am Morgen dosieren oder gar nicht. Der Abbau läuft überwiegend über Amid-Hydrolyse in der Leber, weniger als 10 Prozent werden unverändert ausgeschieden.
Dosierung
Dosierung
Dosierung, Titrationsplan und Spritze
Die Dosierung wird geladen …
- Einstieg und Steigerung als Treppe
- Einheiten auf der U-100-Spritze je Stufe
- Wie lange ein Vial reicht
Was die Forschung zeigt
Bei der Wachheit ist die Datenlage stark. In der randomisierten Multicenter-Studie der US Modafinil in Narcolepsy Study Group (Annals of Neurology 1998, 283 Teilnehmende) verbesserten 200mg und 400mg täglich sämtliche objektiven und subjektiven Schläfrigkeits-Maße gegenüber Placebo. Über 40 Wochen offener Weiterbehandlung blieb die Wirkung erhalten, ohne dass sich Toleranz aufbaute - beim Absetzen kehrte die Schläfrigkeit lediglich auf das Ausgangsniveau zurück, ohne Entzugssymptome vom Amphetamin-Typ.
Beim Thema kognitive Verbesserung bei ausgeschlafenen Gesunden ist das Bild deutlich nüchterner. Die Meta-Analyse von Roberts und Kollegen (European Neuropsychopharmacology 2020) fand über 14 Modafinil-Studien einen statistisch signifikanten, aber kleinen Gesamteffekt (SMD 0,12), der im Wesentlichen vom Memory-Updating getragen wurde. Die Autoren halten ausdrücklich fest, dass die verbreitete Wahrnehmung als starker kognitiver Verstärker von den Daten nicht gedeckt ist. Kurz: gut belegt gegen Müdigkeit, schwach belegt als Intelligenz-Booster.
Studienergebnisse
Was die Studien gemessen haben
Zum Ausprobieren: Reiter wechseln, Punkte antippen, Arme aus- und einblenden. Die Arme heißen relativ zueinander, keine Dosisempfehlung.
Besetzte Dopamin-Transporter2
PET-Messung nach einer Gabe, 10 gesunde Männer, Abnahme der freien Bindungsstellen
Gleichzeitig stieg das freie Dopamin, am stärksten im Nucleus accumbens (Bindung des Messstoffs dort um 19,4 Prozent niedriger). Die Autoren leiten daraus ein Missbrauchspotenzial ab.
Schichtarbeiter-Syndrom über 3 Monate4
209 Teilnehmende, eine Gabe vor jeder Nachtschicht, Anteil der Teilnehmenden
Die Einschlafzeit in der Nacht stieg nur leicht (1,7 gegen 0,3 Minuten), die Behandelten blieben deutlich müde. Der Tagschlaf wurde nicht schlechter.
Effekt auf die Denkleistung bei Ausgeschlafenen5
Meta-Analysen gegen Placebo, standardisierte Mittelwertdifferenz
Werte ab etwa 0,2 gelten als kleiner Effekt. Für Amphetamin fanden die Autoren keinen Effekt. Ihr Fazit: Die verbreitete Wahrnehmung als starker Denk-Booster decken die Daten nicht.
Forschungsstand
Studienlage
Modafinil ist seit Jahrzehnten zugelassen. Im Register nennen 219 Einträge Modafinil unter den Interventionen, ein Teil davon zu Armodafinil. Gezeigt ist eine Auswahl. Stand 26.10.2026. 11
- Präklinik Wirkprofil, Abbau und Wechselwirkungen in Labor und Mensch
- Phase 1 2 Studien, 2 abgeschlossen
- Phase 2 2 Studien, 2 abgeschlossen
- Phase 3 7 Studien, 5 abgeschlossen
- Zulassung seit 1998
Alle 9 Studien aus Phase 2 und 3 im ZeitverlaufZeitverlauf ausblenden
NCT00129285 · 210 Teilnehmende, Start 07/2004, Hauptendpunkt erreicht 01/2008.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
RECOVER-SLEEP · NCT06404099 · 361 Teilnehmende, Start 08/2024, Hauptendpunkt erreicht 03/2026. Prüft mehrere Wirkstoffe.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
NCT00042848 · 837 Teilnehmende (geplant), Start 08/2002, Hauptendpunkt erreicht 04/2007.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
NCT00066170 · 231 Teilnehmende, Start 04/2003, Hauptendpunkt erreicht 07/2004. Prüft mehrere Wirkstoffe.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
NCT00214968 · 92 Teilnehmende, Start 01/2005, Hauptendpunkt erreicht 10/2005.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
ModCRF · NCT01440621 · 217 Teilnehmende, Start 08/2010, Hauptendpunkt erreicht 02/2012. Prüft mehrere Wirkstoffe.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
TRIUMPHANT-MS · NCT03185065 · 141 Teilnehmende, Start 10/2017, Hauptendpunkt erreicht 11/2019. Prüft mehrere Wirkstoffe.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
COSTEP 1 · NCT07231497 · 103 Teilnehmende (geplant), Start 10/2025, Hauptendpunkt geplant 04/2030.
MODIFI-IBD · NCT07582458 · 60 Teilnehmende (geplant), Start 08/2026, Hauptendpunkt geplant 02/2027.
Balken: Start bis Hauptendpunkt (bei laufenden Studien geplant). Grün = abgeschlossen, blau = Fortschritt bis 26.10.2026. Phase 1: 2 Studien zu Verträglichkeit und Pharmakokinetik, nicht als Balken gezeigt.
Die CYP3A4-Falle: hormonelle Verhütung
Das ist der am häufigsten übersehene Punkt bei dieser Substanz. Modafinil induziert CYP3A4/5. In der kontrollierten Studie von Robertson und Kollegen (Clinical Pharmacology & Therapeutics 2002) an 41 Frauen, die dauerhaft ein kombiniertes orales Kontrazeptivum nutzten, sank unter 200mg bis 400mg Modafinil über vier Wochen die Ethinylestradiol-Exposition messbar ab. Die Induktion war dabei überwiegend gastrointestinal, weshalb die Triazolam-Exposition noch deutlich stärker fiel.
Die Fachinformation weist deshalb darauf hin, dass hormonelle Verhütung während der Anwendung und für etwa einen Monat danach weniger verlässlich ist. Umgekehrt hemmt Modafinil CYP2C19, was Substanzen wie Diazepam, Omeprazol, Propranolol oder Phenytoin betrifft.
Nebenwirkungen
- Schwere Hautreaktionen: selten, aber ernst. Stevens-Johnson-Syndrom und toxische epidermale Nekrolyse sind in den Zulassungsdaten dokumentiert, meist in den ersten ein bis fünf Wochen. Jeder neu auftretende Ausschlag, jede Blasenbildung, jede Beteiligung von Mund, Augen oder Schleimhäuten ist ein Abbruch-Grund und ein Fall für ärztliche Abklärung.
- Kopfschmerz: häufigster dokumentierter Effekt, dosisabhängig, meist leicht bis mittelschwer.
- Schlafstörung: praktisch immer eine Frage des Einnahme-Zeitpunkts, nicht der Dosis.
- Übelkeit, Nervosität, Appetitminderung, Mundtrockenheit: in den Studien regelmäßig berichtet.
- Kreislauf: leichte Anstiege von Blutdruck und Herzfrequenz. Addiert sich mit anderen sympathomimetisch wirksamen Substanzen.
- Missbrauchspotenzial: niedriger als bei Amphetaminen, aber nicht null. Die Volkow-Arbeit leitet das direkt aus der Dopamin-Erhöhung im Nucleus accumbens ab.
Verträglichkeit
Häufigkeit in den Zulassungsstudien
Von 100 Teilnehmenden je Gruppe: wie viele das Ereignis hatten. Gepoolte Zulassungsstudien zu Narkolepsie, Schlafapnoe und Schichtarbeit.
| Ereignis | Placebo | Modafinil |
|---|---|---|
| Kopfschmerz10 | 23 % | 34 % |
| Übelkeit10 | 3 % | 11 % |
| Nervosität10 | 3 % | 7 % |
| Angst10 | 1 % | 5 % |
| Schlaflosigkeit10 | 1 % | 5 % |
Werte laut US-Fachinformation. Schwere Hautreaktionen bis zum Stevens-Johnson-Syndrom traten fast immer in den ersten 1 bis 5 Wochen auf, jeder neue Ausschlag ist ein Grund zum Absetzen.10
Lagerung
Trocken, bei Raumtemperatur und vor Licht geschützt lagern. Tabletten in der Originaldose lassen, außerhalb der Reichweite von Kindern.