Was ist Trazodon?
Trazodon (Markennamen unter anderem Trittico, Desyrel, Oleptro) ist ein Triazolopyridin-Derivat und der Prototyp der SARI-Klasse - Serotonin-Antagonist und Wiederaufnahmehemmer. Der Wirkstoff ist seit den 1970er Jahren klinisch zugelassen und gehört zu den ältesten noch breit eingesetzten Antidepressiva.
Interessant ist Trazodon aber vor allem aus einem anderen Grund: es ist eines der saubersten Lehrbuch-Beispiele dafür, dass ein Molekül je nach Dosis zwei völlig verschiedene Wirkprofile haben kann. Das ist keine Feinheit, sondern der zentrale Punkt beim Verständnis dieser Substanz.
Diese Information dient ausschließlich Forschungs- und Bildungszwecken. Keine medizinischen Empfehlungen.
Vergleich
Drei Ansätze beim Schlaf
So wie im TPD-Lexikon beschrieben. Ein Klick öffnet den Eintrag.
Vereinfacht: Direkte Vergleichsstudien zwischen diesen drei fehlen. In der großen Netzwerk-Metaanalyse wirkte Trazodon im Akut-Einsatz, mit schwacher Verträglichkeit oder fehlenden Langzeitdaten. 5
Wie es wirkt
Trazodon bedient mehrere Rezeptoren gleichzeitig mit sehr unterschiedlicher Bindungsstärke:
- 5-HT2A-Antagonismus: sehr starke Bindung. Blockade dieses Rezeptors ist eng mit Tiefschlaf-Förderung und Sedierung verknüpft.
- H1-Antagonismus: starke Bindung am Histamin-Rezeptor. Das ist derselbe Mechanismus, über den klassische Antihistaminika müde machen.
- Alpha-1-Blockade: starke Bindung am Adrenozeptor. Verantwortlich für den Blutdruckabfall beim Aufstehen - und für den Priapismus.
- 5-HT2C-Antagonismus: moderate Bindung, trägt ebenfalls zum Schlaf-Profil bei.
- SERT-Hemmung: vergleichsweise schwache Bindung am Serotonin-Transporter. Das ist der antidepressive Mechanismus - und der, der am meisten Dosis braucht.
Der Abbau läuft überwiegend über CYP3A4 und erzeugt dabei den aktiven Metaboliten mCPP (meta-Chlorphenylpiperazin), der selbst serotonerg wirkt und bei gehemmtem CYP3A4 kumulieren kann.
Wirkorte
Wo Trazodon in Studien wirkte
Punkt oder Karte antippen. Farbe = Rezeptor laut ChEMBL, grau = in Studien beobachtet.
- Gehirn
Blockiert 5-HT2A und 5-HT2C, hemmt schwächer den Serotonin-Transporter, macht müde12
5-HT2A5-HT2CSERT - Blutdruck
Blockiert Alpha-1-Rezeptoren, Blutdruckabfall beim Aufstehen und Ohnmacht möglich9
In Studien beobachtet - Herz
Verlängert die QT-Zeit, Herzrhythmusstörungen beschrieben9
In Studien beobachtet - Schwellkörper
Schmerzhafte Dauererektion (Priapismus) beschrieben, ein Notfall9
In Studien beobachtet - Leber
Abbau über CYP3A4 zum aktiven Metaboliten mCPP9
In Studien beobachtet
Ziele in der Datenbank ChEMBL12
Wirkstoff CHEMBL621 (Hydrochlorid CHEMBL1200798): drei erfasste Mechanismen, Art der Wirkung je Karte.
Der Dosis-Umschlag: warum wenig sediert und viel nicht mehr
Weil die Affinität zu 5-HT2A und H1 um ein Vielfaches höher ist als die zum Serotonin-Transporter, füllen sich die Rezeptoren in einer festen Reihenfolge. Das erzeugt zwei getrennte Dosis-Fenster:
- 25 bis 100mg: praktisch nur 5-HT2A, H1 und Alpha-1 sind besetzt. Der Serotonin-Transporter wird kaum belegt. Ergebnis: ausgeprägte Sedierung, kein nennenswerter serotonerger Effekt.
- ab etwa 150mg: jetzt erreicht die SERT-Hemmung ein Ausmaß, das in Studien mit antidepressiver Wirkung verknüpft ist. Der serotonerge Anteil kommt dazu, die reine Sedierung wird dadurch aber nicht stärker.
Stahl hat dieses Modell 2009 ausführlich beschrieben. Die praktische Konsequenz wird oft übersehen: eine niedrige Dosis ist keine abgeschwächte Version der hohen Dosis, sondern pharmakologisch etwas anderes. Wer wegen der Sedierung hochtitriert, bekommt nicht mehr Sedierung, sondern schiebt den Wirkstoff in ein anderes Profil mit anderem Nebenwirkungs-Bild.
Pharmakokinetik
- Bioverfügbarkeit: etwa 65 bis 80 Prozent oral.
- Wirkeintritt: Spitzenkonzentration nüchtern nach rund einer Stunde. Mit Nahrung verzögert auf etwa zwei Stunden, dafür flacherer Peak und weniger Schwindel.
- Halbwertszeit: biphasisch - erste Phase etwa 3 bis 6 Stunden, terminale Phase rund 5 bis 9 Stunden.
- Abbau: überwiegend CYP3A4, aktiver Metabolit mCPP.
Die kurze erste Phase erklärt, warum Trazodon im Niedrigdosis-Bereich abends gegeben wird. Die terminale Phase erklärt, warum am nächsten Morgen trotzdem noch Überhang messbar sein kann.
Dosierung
Dosierung
Dosierung, Titrationsplan und Spritze
Die Dosierung wird geladen …
- Einstieg und Steigerung als Treppe
- Einheiten auf der U-100-Spritze je Stufe
- Wie lange ein Vial reicht
Was die Forschung zeigt
Roth et al. (Journal of Sleep Research 2011) untersuchten 50mg über sieben Tage randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert bei 16 Personen mit primärer Insomnie. Unter Trazodon gab es weniger nächtliche Aufwachereignisse, weniger Stadium-1-Schlaf und am siebten Tag mehr Tiefschlaf. Gleichzeitig fanden sich am Folgemorgen messbare Einbußen bei Kurzzeitgedächtnis, Verbal-Lernen, Gleichgewicht und Muskelausdauer. Beide Befunde gehören zusammen.
Fagiolini et al. (CNS Drugs 2012) ordneten Trazodon als Antidepressivum mit einer zu SSRI, SNRI und Trizyklika vergleichbaren Wirksamkeit ein, mit dem Unterschied, dass die typische SSRI-bedingte Schlafstörung ausbleibt.
Mendelson (Journal of Clinical Psychiatry 2005) sichtete 18 Arbeiten zum Schlaf-Einsatz und kam bewusst kritisch zu dem Schluss, dass die Evidenz begrenzt ist: die meisten Studien sind klein, wurden an depressiven Populationen erhoben und arbeiten oft ohne objektive Messgrößen. Die Lancet-Netzwerk-Metaanalyse von De Crescenzo et al. (2022) über 170 Studien bestätigt das und führt Trazodon unter den im Akut-Einsatz wirksamen Substanzen mit begrenzter Verträglichkeits- oder Langzeit-Datenlage.
Ehrliche Einordnung: die Sedierung ist unstrittig und pharmakologisch gut erklärt. Die Qualität der Schlaf-Studien ist es nicht.
Studienergebnisse
Was die Studien gemessen haben
Zum Ausprobieren: Reiter wechseln, Punkte antippen, Arme aus- und einblenden. Die Arme heißen relativ zueinander, keine Dosisempfehlung.
Wie fest Trazodon bindet9
Bindungskonstante Ki in nM, kleiner heißt fester
Werte aus der US-Fachinformation. Am Serotonin-Transporter braucht es rund zehnmal mehr Wirkstoff als an 5-HT2A, deshalb wird er erst bei höheren Dosen nennenswert besetzt. Für den Histamin-Rezeptor nennt die Fachinformation keinen Wert.
Mehr Nachtschlaf als unter Placebo6
30 Patienten mit Alzheimer und Schlafstörung, gemessen per Bewegungsmesser am Handgelenk
Der Anteil geschlafener Nachtzeit stieg um 8,5 Prozentpunkte. Tagesmüdigkeit, Denkleistung und Alltagsfunktion änderten sich nicht, Nebenwirkungen waren gleich häufig wie unter Placebo.
Schlafstörung nach 7 Wochen7
126 Dialyse-Patienten, Veränderung im Insomnie-Schweregrad-Index (ISI)
Weder Trazodon noch Verhaltenstherapie unterschieden sich von Placebo, auch nicht nach 25 Wochen. Schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse waren unter Trazodon häufiger.
Forschungsstand
Studienlage
Trazodon ist in den USA seit 1981 gegen Depression zugelassen. Im Register ClinicalTrials.gov stehen 84 Studien mit Trazodon. Gezeigt sind abgeschlossene Studien zum Schlaf, die Studie von 2011 mit 16 Personen ist dort nicht eingetragen. Stand 26.10.2026. 11
- Präklinik Bindung an Serotonin-, Histamin- und Alpha-Rezeptoren im Labor
- Phase 1 keine registrierte Studie
- Phase 2 1 Studie, 1 abgeschlossen
- Phase 3 4 Studien, 4 abgeschlossen
- Zulassung in den USA seit 1981
Alle 6 Studien aus Phase 2, 3 und 4 im ZeitverlaufZeitverlauf ausblenden
NCT00027053 · 173 Teilnehmende, Start 06/2002, Hauptendpunkt erreicht 01/2006.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse: Friedmann et al., Alcoholism: Clinical and Experimental Research, 2008
NCT00253890 · 137 Teilnehmende, Start 10/2005, Hauptendpunkt erreicht 05/2010.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
NCT01142258 · 40 Teilnehmende, Start 03/2010, Hauptendpunkt erreicht 04/2012.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse: Camargos et al., American Journal of Geriatric Psychiatry, 2014
Sleep-HD · NCT03534284 · 126 Teilnehmende, Start 09/2018, Hauptendpunkt erreicht 10/2022.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse: Mehrotra et al., Annals of Internal Medicine, 2024
NAP · NCT03668041 · 673 Teilnehmende, Start 02/2021, Hauptendpunkt erreicht 03/2026. Prüft mehrere Wirkstoffe.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
COZI · NCT04468776 · 155 Teilnehmende, Start 02/2022, Hauptendpunkt erreicht 06/2024. Prüft mehrere Wirkstoffe.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
Balken: Start bis Hauptendpunkt (bei laufenden Studien geplant). Grün = abgeschlossen, blau = Fortschritt bis 26.10.2026.
Nebenwirkungen
- Priapismus: die klassische seltene, aber ernste Nebenwirkung, verursacht durch die Alpha-1-Blockade im Schwellkörper. Tritt auch bei niedriger Dosis auf. Eine schmerzhafte Erektion über mehrere Stunden ohne sexuellen Reiz ist ein urologischer Notfall - verzögerte Behandlung ist in der Literatur mit bleibender Erektionsstörung verknüpft. Eine seltene Entsprechung am weiblichen Genitale ist ebenfalls berichtet.
- Serotonin-Syndrom: Risiko bei Kombination mit MAO-Hemmern, SSRI, SNRI, Triptanen, Linezolid, Tramadol oder Johanniskraut. Der Metabolit mCPP trägt zur serotonergen Last bei. Zeichen: Agitation, Tremor, Muskelzuckungen, Hyperreflexie, Schwitzen, Temperaturanstieg.
- Orthostatische Hypotonie: Blutdruckabfall beim Aufstehen, mit Sturzrisiko besonders nachts und bei älteren Personen.
- Überhang am Folgetag: Sedierung, Schwindel und psychomotorische Einbußen sind dokumentiert. Fahrtüchtigkeit kann morgens noch eingeschränkt sein.
- QT-Verlängerung: dokumentiert, in Einzelfällen Torsade de pointes. Relevant bei Herzerkrankung, Elektrolytstörung oder anderen QT-verlängernden Substanzen.
- CYP3A4-Interaktion: starke Hemmer (Ketoconazol, Itraconazol, Ritonavir, Clarithromycin) erhöhen die Spiegel deutlich, Induktoren wie Carbamazepin senken sie.
- Toleranz und Absetzen: Hinweise auf Toleranzentwicklung bei längerem Einsatz. Nicht abrupt absetzen, sondern ausschleichen - Rebound-Schlaflosigkeit ist beschrieben.
Anders als die Trizyklika hat Trazodon praktisch keine anticholinerge Aktivität, das trockene Mund- und Harnverhalt-Profil entfällt weitgehend.
Verträglichkeit
Nebenwirkungen gegen Placebo
Aus der US-Fachinformation: kontrollierte Studien bei Depression, nicht beim Schlaf-Einsatz.
| Ereignis | Placebo | Trazodon |
|---|---|---|
| Müdigkeit9 | 20 % | 41 % |
| Mundtrockenheit9 | 20 % | 34 % |
| Schwindel, Benommenheit9 | 15 % | 28 % |
| Kopfschmerz9 | 16 % | 20 % |
| Verschwommenes Sehen9 | 4 % | 15 % |
| Übelkeit, Erbrechen9 | 10 % | 13 % |
Werte aus der US-Fachinformation. Selten, aber ernst: Priapismus, QT-Verlängerung, Blutdruckabfall beim Aufstehen und Serotonin-Syndrom.9
Lagerung
Trocken, bei Raumtemperatur und vor Licht geschützt lagern. Tabletten in der Originalverpackung lassen. Außerhalb der Reichweite von Kindern.