Was ist Insulin Glargin U300?
Insulin Glargin U300 (Markenname Toujeo) ist ein langwirksames Basalinsulin-Analogon. Der Wirkstoff ist derselbe wie im seit Jahren etablierten Insulin Glargin U100: an Position A21 steht Glycin statt Asparagin, am Ende der B-Kette hängen zwei zusätzliche Arginin-Reste. Der Unterschied liegt allein in der Konzentration. U300 enthält 300 Einheiten pro Milliliter statt 100, dieselbe Einheiten-Zahl steckt also in einem Drittel des Volumens.
Diese Information dient ausschließlich Forschungs- und Bildungszwecken. Keine medizinischen Empfehlungen.
Vergleich
Schnell und lang wirksame Insuline
Alle wirken am selben Insulin-Rezeptor, sie unterscheiden sich im Zeitprofil und in der Konzentration, so wie im TPD-Lexikon beschrieben. Ein Klick öffnet den Eintrag.
Vereinfacht: U300 und U100 sind derselbe Wirkstoff. Die Zahl nennt die Einheiten je Milliliter, eine U-100-Spritze passt nur zu U100. 87
Wie es wirkt
Die zusätzlichen Arginin-Reste verschieben den isoelektrischen Punkt des Moleküls in Richtung des neutralen pH-Werts. In der sauren Lösung der Ampulle bleibt der Wirkstoff dadurch klar gelöst, im neutralen Gewebe unter der Haut fällt er als feines Mikropräzipitat aus. Aus diesem Depot löst er sich langsam über viele Stunden heraus. Am Rezeptor wirkt Glargin dann wie körpereigenes Insulin: Glukose-Aufnahme in Muskel- und Fettzellen, Hemmung der Glukoseproduktion in der Leber, Hemmung der Lipolyse.
Warum U300 flacher wirkt als U100, ist reine Geometrie. Ein Drittel Volumen bedeutet ein kleineres Depot mit deutlich weniger Oberfläche im Verhältnis zu seinem Inhalt. Weil die Auflösung des Mikropräzipitats über die Oberfläche läuft, wird der Wirkstoff langsamer und gleichmäßiger freigesetzt. Eine physikalische Eigenschaft der Formulierung wird so zum pharmakokinetischen Effekt.
Wirkorte
Wo Insulin Glargin U300 in Studien wirkte
Punkt oder Karte antippen. Farbe = Insulin-Rezeptor, grau = in Studien beobachtet.
Ziele in der Datenbank ChEMBL8
Wirkstoff CHEMBL1201497: ein erfasster Mechanismus, Agonist mit direkter Bindung an den menschlichen Rezeptor.
- Gen
- INSR
- UniProt
- P06213
- ChEMBL
- CHEMBL1981
- Wirkung
- Agonist, direkte Bindung
U300 ist nicht U100: die dreifache Überdosis-Falle
Das ist der wichtigste Abschnitt dieser Seite. Eine handelsübliche Insulinspritze ist auf U100 kalibriert. Der Strich mit der Beschriftung 20 entspricht dort 0,2 ml einer 100er-Lösung, also 20 Einheiten. Zieht jemand mit derselben Spritze bis zum selben Strich eine U300-Lösung auf, sind 60 Einheiten im Zylinder.
- Dreifache Überdosierung: der Fehler ist optisch nicht erkennbar, weil die Skala korrekt aussieht und die Flüssigkeitsmenge stimmt.
- Nicht rücknehmbar: bei einem Basalinsulin mit bis zu 36 Stunden Wirkdauer lässt sich eine injizierte Menge über Stunden nicht mehr korrigieren.
- Der Pen ist die Lösung: sein Zählwerk zeigt Einheiten an und fördert pro Einheit ein Drittel des Volumens. Genau dafür ist er gebaut.
- Ohne Ausnahme: nicht in eine Spritze umfüllen, nicht verdünnen, nicht mit anderen Insulinen mischen, nicht mit U100-Produkten im selben Kühlschrankfach lagern.
Pharmakokinetik: das flache Profil
Becker et al. untersuchten U300 gegen U100 im euglykämischen Clamp über 36 Stunden bei Menschen mit Typ-1-Diabetes im Steady State. Unter U300 verliefen Insulin-Konzentration und Glukose-Infusionsrate konstanter und gleichmäßiger über 24 Stunden verteilt, erkennbar an der um rund drei Stunden späteren Zeit bis zum Erreichen der halben Fläche unter der Kurve. Eine enge Blutzuckerkontrolle hielt im Median etwa 30 Stunden an, rund fünf Stunden länger als unter U100.
- Kein ausgeprägtes Wirkmaximum: das Profil ist bewusst flach, nicht auf einen Peak ausgelegt.
- Wirkdauer bis zu 36 Stunden: deutlich über das 24-Stunden-Fenster hinaus.
- Steady State erst nach 3 bis 4 Tagen: die volle Auswirkung einer Dosis-Änderung zeigt sich mit mehreren Tagen Verzögerung.
- Etwas niedrigere relative Bioverfügbarkeit: in den EDITION-Studien wurde für dieselbe Kontrolle eine rund zehn Prozent höhere Einheiten-Zahl benötigt.
Dosierung: wie sie bestimmt wird
Dosierung
Dosierung, Titrationsplan und Spritze
Die Dosierung wird geladen …
- Einstieg und Steigerung als Treppe
- Einheiten auf der U-100-Spritze je Stufe
- Wie lange ein Vial reicht
Was die Forschung zeigt
Das EDITION-Studienprogramm hat U300 in großen randomisierten Vergleichen gegen U100 gestellt. Das Muster war über alle Studien hinweg dasselbe: gleiche Blutzuckerkontrolle, weniger nächtliche Unterzuckerungen.
- EDITION 1 (807 Teilnehmende mit Typ-2-Diabetes unter Basal- und Mahlzeiten-Insulin): gleichwertige Senkung des Langzeitwerts, zwischen Woche 9 und Monat 6 meldeten 36 statt 46 Prozent mindestens ein bestätigtes oder schweres nächtliches Ereignis.
- EDITION 2 (811 Teilnehmende unter Basal-Insulin plus oralen Antidiabetika): identische Senkung bei rund zehn Prozent höherer Einheiten-Dosis, weniger nächtliche und weniger ganztägige Ereignisse, geringere Gewichtszunahme.
- Meta-Analyse EDITION 1 bis 3 (2496 Personen, Ritzel et al.): über sechs Monate 31 Prozent niedrigere nächtliche und 14 Prozent niedrigere ganztägige Hypoglykämie-Rate bei identischer Kontrolle. Schwere Ereignisse blieben in beiden Gruppen selten (2,3 gegenüber 2,6 Prozent).
- EDITION 4 (549 Teilnehmende mit Typ-1-Diabetes): gleichwertige Kontrolle unabhängig vom Injektionszeitpunkt, weniger nächtliche Ereignisse in den ersten acht Wochen, geringere Gewichtszunahme.
Wichtig zur Einordnung: alle diese Zahlen stammen aus der Behandlung von Diabetes. Sie beschreiben, wie sich U300 gegenüber U100 verhält, nicht wie sich Insulin bei intakter Eigenproduktion verhält.
Studienergebnisse
Was die Studien gemessen haben
Zum Ausprobieren: Reiter wechseln, Punkte antippen, Arme aus- und einblenden. Die Arme heißen relativ zueinander, keine Dosisempfehlung.
Senkung des HbA1c34
Veränderung in Prozentpunkten nach 6 Monaten, Typ-2-Diabetes
Werte aus den Abstracts (Kleinste-Quadrate-Mittel). Beide Fassungen senkten den Langzeitwert gleich stark, in EDITION 2 mit rund 10 Prozent mehr Einheiten bei U300.
Weniger Unterzuckerungen mit U3004
Unterschied der Rate bestätigter oder schwerer Unterzuckerungen gegenüber U100, 6 Monate
Gemeinsame Auswertung der EDITION-Studien 1 bis 3 mit 2.496 Menschen mit Typ-2-Diabetes. Bestätigt heißt: Blutzucker gemessen bei höchstens 3,9 mmol/l.
Forschungsstand
Studienlage
Die Zulassungsstudien EDITION 1 bis 4 und die Clamp-Studie aus diesem Eintrag. Unter dem Entwicklungsnamen HOE901-U300 stehen insgesamt 35 Studien im Register ClinicalTrials.gov, davon 19 in Phase 4. Stand 25.10.2026. 6
- Präklinik Gleicher Wirkstoff, dreifache Konzentration
- Phase 1 1 Studie, 1 abgeschlossen
- Phase 2 keine registrierte Studie
- Phase 3 4 Studien, 4 abgeschlossen
- Zulassung seit 2015
Alle 4 Studien aus Phase 3 im ZeitverlaufZeitverlauf ausblenden
EDITION 1 · NCT01499082 · 807 Teilnehmende, Start 12/2011, Hauptendpunkt erreicht 01/2013.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse: Riddle et al., Diabetes Care, 2014, Ritzel et al., Diabetes, Obesity and Metabolism, 2015
EDITION 2 · NCT01499095 · 811 Teilnehmende, Start 12/2011, Hauptendpunkt erreicht 04/2013.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse: Yki-Järvinen et al., Diabetes Care, 2014, Ritzel et al., Diabetes, Obesity and Metabolism, 2015
EDITION 3 · NCT01676220 · 878 Teilnehmende, Start 08/2012, Hauptendpunkt erreicht 09/2013.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse: Ritzel et al., Diabetes, Obesity and Metabolism, 2015
EDITION 4 · NCT01683266 · 549 Teilnehmende, Start 09/2012, Hauptendpunkt erreicht 09/2013.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse: Home et al., Diabetes Care, 2015
Balken: Start bis Hauptendpunkt (bei laufenden Studien geplant). Grün = abgeschlossen, blau = Fortschritt bis 25.10.2026. Phase 1: 1 Studie zu Verträglichkeit und Pharmakokinetik, nicht als Balken gezeigt.
Nebenwirkungen und Hypoglykämie
Das Risiko entsteht nicht aus unbekannten Nebenwirkungen, sondern aus der Hauptwirkung. Insulin senkt den Blutzucker verlässlich und dosisproportional und hört damit nicht auf, wenn ein sicherer Wert erreicht ist.
- Hypoglykämie: Zittern, Schwitzen, Herzrasen, Heißhunger, Nervosität, danach Konzentrationsstörungen, verwaschene Sprache und Verwirrtheit, bei weiterem Abfall Krampfanfall, Bewusstlosigkeit und Tod. Die kognitive Beeinträchtigung setzt genau dann ein, wenn eigenständiges Gegensteuern nötig wäre.
- Lange Wirkdauer als eigenes Risiko: eine zu hohe Basal-Dosis wirkt über bis zu 36 Stunden weiter. Eine einmalige Gabe schneller Kohlenhydrate deckt dieses Fenster nicht ab, eine Unterzuckerung kann nach anfänglicher Besserung erneut auftreten.
- Vorbereitung ist Pflicht: Traubenzucker, Saft oder gezuckerte Getränke müssen vor der Applikation griffbereit liegen. Nie ohne Blutzucker-Messung, nie allein, weil die letzte Sicherung eine anwesende zweite Person ist. Nächtliche Ereignisse verlaufen im Schlaf unbemerkt.
- Kaliumverschiebung: Insulin transportiert Kalium nach intrazellulär. Der Serumwert fällt, eine ausgeprägte Hypokaliämie kann Herzrhythmusstörungen auslösen. Kohlenhydrate allein korrigieren das nicht.
- Alkohol und Belastung: Alkohol hemmt die Glukoneogenese in der Leber, Muskelarbeit erhöht die insulinunabhängige Glukoseaufnahme. Beides verstärkt und verlängert die Wirkung erheblich.
- Weitere Effekte: Reaktionen an der Einstichstelle, Lipohypertrophie bei fehlender Rotation, Natrium- und Wasserretention mit Ödemen zu Beginn, Gewichtsveränderung, selten allergische Reaktionen.
Bei Verwirrtheit oder Bewusstseinstrübung ist der Notruf die einzig richtige Reaktion.
Verträglichkeit
Unterzuckerung in den EDITION-Studien
Von 100 Teilnehmenden mit Typ-2-Diabetes je Gruppe: wie viele mindestens eine nächtliche bzw. eine schwere Unterzuckerung hatten.
| Ereignis | Glargin 300 Einheiten/ml | Glargin 100 Einheiten/ml (Vergleich) |
|---|---|---|
| Nachts, bestätigt oder schwer (EDITION 1)2 | 36 % | 46 % |
| Schwer, rund um die Uhr (EDITION 1 bis 3)4 | 2 % | 3 % |
EDITION 1: 807 Teilnehmende unter Basal- und Mahlzeiten-Insulin, gezählt von Woche 9 bis Monat 6. Schwere Unterzuckerungen blieben in beiden Gruppen selten. Bei Typ-1-Diabetes (EDITION 4) war der Unterschied nur in den ersten acht Wochen zu sehen.245
Lagerung
Ungeöffnet im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad lagern, nicht einfrieren und nicht direkt an das Gefrierfach legen. Nach Anbruch bei Raumtemperatur unter 30 Grad und vor Licht geschützt, angebrochene Pens gehören nicht zurück in den Kühlschrank. Nicht verwenden, wenn die Lösung trüb, verfärbt oder mit Partikeln durchsetzt ist. Getrennt von U100-Insulinen aufbewahren, damit im Alltag keine Verwechslung entstehen kann. Außerhalb der Reichweite von Kindern.