Was ist Selank Nasal?
Selank ist ein synthetisches Heptapeptid mit der Sequenz Thr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro. Den Kern bildet Tuftsin, ein körpereigenes Immunpeptid aus vier Aminosäuren, an das die Entwickler am Institut für Molekulare Genetik in Moskau die Endgruppe Pro-Gly-Pro gehängt haben, damit das Molekül im Körper nicht sofort zerfällt. In Russland ist Selank als Nasentropfen für generalisierte Angststörungen und neurasthenische Zustände zugelassen, überall sonst ist es ein Research-Compound ohne Zulassung. Das Profil, um das es geht: ruhiger werden, ohne müde zu sein, ohne Abhängigkeit und ohne den Nebel klassischer Beruhigungsmittel, dazu eine leichte nootrope und eine immunmodulierende Komponente.
Dieser Eintrag beschreibt die gebrauchsfertige Variante: 10 mg Selank sind in 5 ml steriler Kochsalzlösung plus 0,4 ml bakteriostatischem Wasser gelöst, zusammen 5,4 ml, also 1,85 mg pro ml. Die Pumpe gibt je Sprühstoß 0,1 ml ab, das sind rund 0,185 mg oder 185 mcg Wirkstoff. Rechnerisch stecken 54 Sprühstöße in der Flasche, nach dem Befüllen der Pumpe bleiben rund 50 nutzbar. Anmischen, Spritzen und Umrechnen entfallen komplett. Das Spray wird erst nach deiner Bestellung frisch angesetzt. Wer lieber selbst mischt oder subkutan arbeitet, findet Selank weiterhin als Pulver im Vial (5, 10 und 30 mg), der Lexikon-Eintrag zu Selank hat dafür den Rechner.
Wichtig für die Einordnung: Die Nase ist bei Selank nicht der Umweg, sondern der Hauptweg. Die klinischen Studien in Russland liefen mit Nasentropfen. In Tierversuchen kommt nasal gegebenes Selank besser ins Gehirn als über jede andere getestete Route. Gegenüber Tropfen hat die Pumpe einen Vorteil: Jeder Stoß ist gleich groß, du weißt also immer, wie viel du genommen hast.
Diese Information dient ausschließlich Forschungs- und Bildungszwecken. Keine medizinischen Empfehlungen.
Wie es wirkt
Selank hat keinen einzelnen Zielrezeptor, sondern setzt an mehreren Stellen an. Der am längsten untersuchte Pfad ist das Enkephalin-System. Zozulya und Kollegen (Bulletin of Experimental Biology and Medicine 2001) fanden bei Patienten mit generalisierter Angst eine deutlich verkürzte Halbwertszeit der körpereigenen Enkephaline im Blut und zeigten im Labor, dass Selank die enkephalin-abbauenden Enzyme des Plasmas dosisabhängig hemmt, mit einer IC50 von rund 15 Mikromol und stärker als die Vergleichshemmer Bacitracin und Puromycin. Enkephaline sind körpereigene Opioidpeptide, die Stress- und Angstsignale dämpfen. Bleiben sie länger erhalten, wirkt die eigene Bremse länger. In der klinischen Studie derselben Gruppe (2008) stieg die Enkephalin-Halbwertszeit unter Selank wieder an und korrelierte mit dem Angstniveau der Patienten. Am deutlichsten war der Anstieg bei generalisierter Angststörung.
Der zweite Pfad ist das GABA-System, also der Hauptbremsmechanismus des Gehirns. Vyunova und Kollegen (Protein and Peptide Letters 2018) zeigten mit Radioliganden an Hirnmembranen, dass Selank die Bindung von GABA konzentrationsabhängig verstärkt, also als positiver allosterischer Modulator arbeitet. Seine Bindungsstelle ist offenbar nicht dieselbe wie die der Benzodiazepine, überlappt aber womöglich teilweise. Es beeinflusst deren Wirkung: Zusammen mit Diazepam war der Effekt weder die Summe beider Stoffe noch die Wirkung eines einzelnen. Selank konnte die modulierende Wirkung von Diazepam und Olanzapin blockieren. Volkova und Kollegen (Frontiers in Pharmacology 2016) fanden passend dazu bei Ratten, dass 300 mcg Selank pro Kilogramm innerhalb einer Stunde die Expression von 45 der 84 untersuchten Neurotransmissions-Gene im Frontalcortex veränderte, in einem Muster, das mit dem von GABA selbst korrelierte.
Dazu kommen zwei Nebenschauplätze, die das Profil erklären helfen. Inozemtseva und Kollegen (Doklady Biological Sciences 2008) zeigten, dass nasal gegebenes Selank im Hippocampus der Ratte die Expression des Wachstumsfaktors BDNF reguliert, das passt zur anti-asthenischen und leicht nootropen Komponente aus den klinischen Studien. Und über seinen Tuftsin-Kern greift Selank ins Immunsystem ein: Kolomin und Kollegen (Regulatory Peptides 2011) fanden nach einer einzelnen Gabe von 100 mcg pro Kilogramm bei Mäusen eine veränderte Expression von 34 der 84 untersuchten Entzündungsgene in der Milz, auffällig beim Transkriptionsfaktor Bcl6. Die Literatur nennt außerdem Einflüsse auf serotonerge und dopaminerge Signalwege, dort ist die Datenlage dünner.
Aufnahme über die Nasenschleimhaut
Für kleine Peptide ist die Nase ein ungewöhnlich guter Eingang. Bei Selank ist das direkt gemessen worden. Ashmarin und Kollegen (Bioorganicheskaia Khimiia 2008) verfolgten tritiummarkiertes Selank und das Fragment Pro-Gly-Pro in Rattengeweben nach intraperitonealer, nasaler, intragastrischer und intravenöser Gabe. Ergebnis: Die nasale Gabe war von allen vier Wegen der beste, um die Peptide ins zentrale Nervensystem zu bringen. Ein Teil der Dosis geht über die dünne, stark durchblutete Schleimhaut ins Blut, ein Teil wandert von der Riechregion aus entlang der Nervenbahnen in Richtung Gehirn. Was den Rachen hinunterläuft, landet im Magen. Interessantes Detail derselben Arbeit: Selank reichert sich bei jedem Gabeweg stark im Magengewebe an.
Der Weg prägt offenbar auch das Wirkmuster. Vasil'eva und Kollegen (Eksperimental'naia i Klinicheskaia Farmakologiia 2016) gaben Mäusen fünf Tage lang 300 mcg Selank pro Kilogramm, einmal in die Bauchhöhle und einmal in die Nase. Angstlösend und nootrop wirkte beides, aber nur im ängstlichen Mausstamm BALB/c, nicht im robusten C57BL/6. Die intraperitoneale Gabe erhöhte die Zahl der GABA-Bindungsstellen im Frontalcortex um 38 Prozent, die nasale dagegen die Zahl der NMDA-Bindungsstellen im Hippocampus um 23 Prozent. Für dich heißt das: Ergebnisse aus Injektionsstudien lassen sich nicht eins zu eins auf das Spray übertragen. Das gilt auch umgekehrt.
Zur Pharmakokinetik: Selank bleibt im Blut nicht lange intakt. Zolotarev und Kollegen (Bioorganicheskaia Khimiia 2006) zerlegten den Abbau mit tritiummarkiertem Peptid und fanden als Hauptprodukte das Pentapeptid Thr-Lys-Pro-Arg-Pro, das Tripeptid Thr-Lys-Pro und die Dipeptide Arg-Pro und Gly-Pro, zugleich maßen sie die Verteilung im Hirngewebe nach nasaler Gabe. Die Wirkung überdauert das Molekül aber deutlich: In der klinischen Studie von Medvedev und Kollegen (2014) hielt der angstlösende Effekt noch eine Woche nach der letzten Gabe an. Selank stößt offenbar Prozesse an, Genexpression, BDNF, Enkephalin-Haushalt, die keinen konstanten Blutspiegel brauchen. Ein bis drei Gaben über den Tag reichen deshalb, ein Dauerspiegel ist nicht das Ziel.
Praktisch: Vor dem ersten Gebrauch die Pumpe zwei- bis dreimal in die Luft drücken, bis ein feiner Nebel kommt. Nase vorher sanft putzen, Kopf aufrecht halten, die Düse leicht nach außen zur Nasenwand richten statt gegen die Nasenscheidewand, beim Sprühen ruhig einatmen und nicht kräftig hochziehen. Danach 10 bis 15 Minuten nicht schnäuzen. Bei zwei Stößen lieber je einen pro Nasenloch oder zeitlich getrennt, zwei Stöße kurz nacheinander ins selbe Nasenloch laufen eher in den Rachen.
Anwendung und Dosierung
Was die Forschung zeigt
Für ein Peptid aus der Research-Szene ist Selank ungewöhnlich oft am Menschen untersucht worden, fast ausschließlich in Russland. Zozulya und Kollegen (Zhurnal Nevrologii i Psikhiatrii 2008) verglichen bei 62 Patienten mit generalisierter Angststörung und Neurasthenie Selank (30 Patienten) mit dem Benzodiazepin Medazepam (32 Patienten), gemessen mit Hamilton-, Zung- und CGI-Skala. Die angstlösende Wirkung war in beiden Gruppen ähnlich, Selank wirkte zusätzlich gegen die Erschöpfungskomponente und leicht aktivierend. Parallel erholte sich die bei diesen Patienten verkürzte Enkephalin-Halbwertszeit im Blut, am stärksten bei generalisierter Angststörung.
Medvedev und Kollegen (Zhurnal Nevrologii i Psikhiatrii 2014) stellten Selank bei 60 Patienten mit Angst-, Phobie- und somatoformen Störungen dem Benzodiazepin Phenazepam gegenüber: ausgeprägte Anxiolyse, dazu ein milder nootroper Effekt und eine bessere Lebensqualität. Bemerkenswert war die Nachwirkung, der angstlösende Effekt hielt eine Woche nach der letzten Gabe an. In der Folgearbeit derselben Gruppe (2015) bekamen 40 Patienten Selank zusätzlich zu Phenazepam, 30 nur Phenazepam: Der Benzodiazepin-Effekt setzte mit Selank schneller ein. Typische Benzodiazepin-Nebenwirkungen wie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Sedierung, verlängerter Schlaf, sexuelle Störungen und Kreislaufprobleme beim Aufstehen waren seltener, auch nach dem Absetzen des Tranquilizers.
Was ehrlich dazugehört: Die klinischen Studien sind klein, kommen aus dem Umfeld der Entwickler und liegen im Volltext nur auf Russisch vor. Große westliche Doppelblindstudien gibt es nicht. Eine US-Übersichtsarbeit zu GABAergen Substanzen (Doyno und White, Journal of Clinical Pharmacology 2021) stuft Selank als schlecht untersucht ein und kritisiert, dass es in den USA ohne jede Prüfung als Nahrungsergänzung verkauft wird. Die Mechanismus-Arbeiten zu Enkephalinasen, GABA-Modulation, Genexpression und BDNF sind solide, aber präklinisch. Und untersucht wurden Nasentropfen, nicht eine Sprühflasche mit 1,85 mg pro ml. Die Sprühstoß-Angaben hier sind eine Umrechnung, keine Studiendosis.
Nebenwirkungen
- Nase: leichtes Brennen, Trockenheit, Niesen oder ein kurzes Kribbeln nach dem Sprühen sind die häufigste Beobachtung, die Lösung selbst reizt kaum, meist ist es der Sprühstrahl. Bei anhaltender Reizung oder Nasenbluten pausieren.
- Zentrale Wirkung: Selank gilt als nicht sedierend, in den Vergleichsstudien schnitt es bei Sedierung und kognitiven Nebenwirkungen deutlich besser ab als die Benzodiazepine. Einzelne Anwender berichten trotzdem über kurzzeitige Müdigkeit, andere über innere Unruhe oder leichte Aktivierung, seltener über Kopfschmerzen. Beides ist meist mild und verschwindet nach dem Absetzen.
- Abhängigkeit: in den klinischen Studien wurden weder Toleranz noch Entzug beschrieben, der Effekt hielt nach dem Absetzen sogar an. Das unterscheidet Selank von Benzodiazepinen, beruht aber auf kleinen Studien über wenige Wochen, nicht auf Langzeitdaten.
- Wechselwirkungen: Selank moduliert den GABA-A-Rezeptor und verändert laut Vyunova und Kollegen (2018) die Wirkung von Diazepam an der GABA-Bindung in nicht additiver Weise. Mit Benzodiazepinen, Z-Substanzen, Alkohol oder anderen GABAergen Stoffen ist Vorsicht angebracht, nicht weil eine gefährliche Verstärkung belegt wäre, sondern weil die Richtung der Wechselwirkung schlecht vorhersehbar ist.
- Immunsystem: über den Tuftsin-Kern verändert Selank die Expression entzündungsbezogener Gene. Bei Autoimmunerkrankungen oder unter Immunsuppression gehört die Frage in ärztliche Hände.
- Datenlücken: keine Daten für Schwangerschaft, Stillzeit, Kinder und Jugendliche, keine Langzeitdaten zur Daueranwendung. Deshalb Phasen statt Dauerbetrieb.
Lagerung und Haltbarkeit nach Anbruch
Das Spray gehört in den Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad, aufrecht, mit Kappe und vor Licht geschützt, zum Beispiel in der Umverpackung. Nicht einfrieren, der Wechsel zwischen Frost und Tau kann dem Peptid und der Pumpe schaden. Ein paar Stunden oder Tage bei Raumtemperatur auf dem Postweg oder in der Tasche sind unkritisch, dauerhaft warm sollte die Flasche aber nicht stehen.
Selank ist ein kleines, robustes Peptid und bleibt in kalter Lösung über Monate stabil. Der begrenzende Faktor ist beim Spray nicht die Chemie, sondern die Hygiene: Von den 5,4 ml sind nur 0,4 ml bakteriostatisches Wasser, der Konservierungsstoff darin ist also stark verdünnt und schützt die Lösung nur begrenzt. Deshalb die Düse nach jedem Gebrauch mit einem sauberen Tuch abwischen, die Kappe aufsetzen, die Flasche nicht teilen und die Düse nur knapp ins Nasenloch setzen statt tief hineinzuschieben. Wird die Lösung gelartig, klumpig oder riecht sie anders, nicht mehr verwenden. Eine leichte Trübung allein ist kein Grund dafür.
In der Praxis entsteht kein Lagerproblem: Bei 1 bis 4 Sprühstößen pro Tag ist die Flasche nach 2 bis 7 Wochen leer, also innerhalb der Phase, für die sie gedacht ist. Wer länger pausiert, lässt das Spray gekühlt stehen und pumpt vor der nächsten Anwendung einmal in die Luft, bis wieder ein feiner Nebel kommt.