Was ist Spironolacton?
Spironolacton hat zwei Gesichter. Beide muss man kennen. Es ist erstens ein Aldosteron-Antagonist: es blockiert den Mineralocorticoid-Rezeptor in der Niere, wodurch weniger Natrium zurückgehalten und weniger Kalium ausgeschieden wird. Daher der Name kaliumsparendes Diuretikum.
Zweitens ist es ein Anti-Androgen, weil es zusätzlich am Androgen-Rezeptor blockiert und die Testosteron-Synthese hemmt. Das ist keine Nebenwirkung im Sinne eines Zufalls, sondern eine echte pharmakologische Zweitwirkung derselben Substanz. Für Männer ist das der entscheidende Punkt.
Diese Information dient ausschließlich Forschungs- und Bildungszwecken. Keine medizinischen Empfehlungen.
Vergleich
Entwässern und Blutdruck im Lexikon
Verwandte Wirkstoffe im TPD-Lexikon mit ihrem Ansatzpunkt, so wie dort beschrieben. Ein Klick öffnet den Eintrag.
Vereinfacht: Schleifendiuretika entwässern schnell und schwemmen Kalium aus, Spironolacton wirkt langsam und hält Kalium zurück. 6
Wie es wirkt
Aldosteron wirkt im Sammelrohr der Niere über einen Rezeptor im Zellkern, der erst die Produktion von Transportproteinen anschieben muss. Genau deshalb wirkt Spironolacton langsam: der volle Effekt braucht zwei bis vier Wochen. Als Schnell-Entwässerung vor einem Termin ist es das falsche Mittel, dafür ist Furosemid gebaut.
Beim Blutdruck ist es dagegen der stärkste vierte Wirkstoff, den es gibt. Der Grund: bei einem großen Teil der therapieresistenten Hypertonien steckt ein zu hoher Aldosteron-Spiegel dahinter. Den greift kein anderer Wirkstoff direkt an.
Der Anti-Androgen-Effekt ist bei niedriger Dosis gering und steigt mit der Dosis deutlich an. Spürbar sein kann er aber schon bei 25mg: In RALES hatten 10 Prozent der Männer Brustvergrößerung oder Brustschmerzen, unter Placebo 1 Prozent.
Wirkorte
Wo Spironolacton wirkt
Punkt oder Karte antippen. Farbe = Rezeptor, grau = in Studien beobachtet.
- Niere
Blockiert Aldosteron, Kalium war in TOPCAT doppelt so oft zu hoch3
MR - Herz
30 Prozent weniger Todesfälle bei schwerer Herzinsuffizienz (RALES)1
In Studien beobachtet - Blutdruck
Heimblutdruck 8,7 mmHg niedriger als unter Placebo (PATHWAY-2)2
In Studien beobachtet - Haut
Akne bei Frauen gebessert (SAFA)4
AR - Hormonwirkung beim Mann
Brustschwellung oder -schmerz bei 10 statt 1 Prozent der Männer (RALES)1
AR
Ziele in der Datenbank ChEMBL6
Wirkstoff CHEMBL1393: zwei erfasste Mechanismen, Art der Wirkung je Karte.
- Gen
- NR3C2
- UniProt
- P08235
- ChEMBL
- CHEMBL1994
- Wirkung
- Gegenspieler (Antagonist), direkte Bindung
- Gen
- AR
- UniProt
- P10275
- ChEMBL
- CHEMBL1871
- Wirkung
- Gegenspieler laut Labor-Messdaten in ChEMBL
Anwendung und Dosierung
Dosierung
Dosierung, Titrationsplan und Spritze
Die Dosierung wird geladen …
- Einstieg und Steigerung als Treppe
- Einheiten auf der U-100-Spritze je Stufe
- Wie lange ein Vial reicht
Was die Forschung zeigt
RALES (NEJM 1999) ist der Klassiker. Über 1.600 Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz bekamen zusätzlich 25mg Spironolacton oder Placebo. Die Studie wurde vorzeitig abgebrochen: 30 Prozent niedrigere Sterblichkeit. Die Dosis war bewusst niedrig gewählt, es ging nicht um Entwässerung, sondern um die Rezeptorblockade.
PATHWAY-2 (Lancet 2015) beantwortete die Frage, welcher vierte Wirkstoff bei therapieresistenter Hypertonie am besten wirkt. Spironolacton schlug sowohl Bisoprolol als auch Doxazosin deutlich. Das ist der Grund, warum es heute an dieser Stelle Standard ist.
TOPCAT (NEJM 2014) gehört zur Ehrlichkeit dazu: bei Herzinsuffizienz mit erhaltener Pumpfunktion verfehlte Spironolacton den primären Endpunkt. Die spätere Analyse fand allerdings starke regionale Unterschiede, mit einem klaren Effekt in Nord- und Südamerika und keinem in Osteuropa, was Zweifel an der dortigen Studiendurchführung nährte. Als bewiesen gilt der Nutzen bei erhaltener Pumpfunktion trotzdem nicht.
SAFA (BMJ 2023) belegte die dermatologische Anwendung: bei Frauen mit Akne verbesserte Spironolacton die Hautbefunde signifikant gegenüber Placebo.
Studienergebnisse
Was die Studien gemessen haben
Zum Ausprobieren: Reiter wechseln, Punkte antippen, Arme aus- und einblenden. Die Arme heißen relativ zueinander, keine Dosisempfehlung.
Gestorben in im Mittel 24 Monaten1
1.663 Menschen mit schwerer Herzinsuffizienz, zusätzlich zur Standardtherapie
Relatives Risiko 0,70. Dazu 35 Prozent weniger Klinikaufenthalte wegen Herzschwäche. Die Studie wurde vorzeitig beendet, weil der Nutzen bei einer Zwischenauswertung klar war.
Systolischer Heimblutdruck im Vergleich2
Unterschied unter Spironolacton zum jeweiligen Vergleich, therapieresistenter Bluthochdruck
Jeder bekam alle vier Behandlungen nacheinander für je 12 Wochen (Crossover), zusätzlich zu drei Blutdrucksenkern. Bei 6 von 285 stieg das Kalium einmal über 6,0 mmol/l.
TOPCAT nach im Mittel 3,3 Jahren3
3.445 Menschen mit Herzinsuffizienz und erhaltener Pumpfunktion
Hazard Ratio 0,89, das Hauptziel wurde verfehlt. Nur die Klinikaufenthalte wegen Herzschwäche sanken signifikant, Todesfälle insgesamt nicht.
Akne bei Frauen4
Anteil in Prozent, 410 Frauen, Dosis nach 6 Wochen verdoppelt
Der Unterschied war in Woche 24 größer als in Woche 12. Gegeben wurde zuletzt die höchste Studiendosis (100 mg).
Forschungsstand
Studienlage
Spironolacton ist seit 1960 zugelassen, im Register ClinicalTrials.gov nennen 330 Studien den Wirkstoff unter den Interventionen. Gezeigt sind große Phase-3-Studien, darunter TOPCAT aus diesem Eintrag. RALES ist dort nicht eingetragen, PATHWAY-2 steht mit unbekanntem Status, SAFA im britischen Register ISRCTN. Stand 26.10.2026. 5
- Präklinik Wirkprinzip: Mineralocorticoid-Rezeptor blockieren
- Phase 1 keine registrierte Studie
- Phase 2 keine registrierte Studie
- Phase 3 5 Studien, 4 abgeschlossen
- Zulassung seit 1960
Alle 5 Studien aus Phase 3 im ZeitverlaufZeitverlauf ausblenden
TOPCAT · NCT00094302 · 3.445 Teilnehmende, Start 08/2006, Hauptendpunkt erreicht 06/2013.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse: Pitt et al., New England Journal of Medicine, 2014
ALBATROSS · NCT01059136 · 1.603 Teilnehmende, Start 02/2010, Hauptendpunkt erreicht 08/2014.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
ACHIEVE · NCT03020303 · 2.538 Teilnehmende, Start 07/2017, Hauptendpunkt erreicht 03/2025.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
SPIRRIT · NCT02901184 · 2.000 Teilnehmende (geplant), Start 11/2017, Hauptendpunkt geplant 12/2026.
CLEAR SYNERGY · NCT03048825 · 7.264 Teilnehmende, Start 02/2018, Hauptendpunkt erreicht 08/2024. Prüft mehrere Wirkstoffe.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse noch nicht in PubMed
Balken: Start bis Hauptendpunkt (bei laufenden Studien geplant). Grün = abgeschlossen, blau = Fortschritt bis 26.10.2026.
Nebenwirkungen
- Erhöhtes Kalium: die gefährlichste Nebenwirkung, weil sie ohne Warnzeichen auf das Herz gehen kann. In Kombination mit ACE-Hemmern oder Sartanen zwingend mit Blutwerten begleiten.
- Gynäkomastie bei Männern: dosisabhängig, aber schon bei 25mg nicht selten: In RALES berichteten 10 Prozent der Männer unter Spironolacton Brustvergrößerung oder Brustschmerzen, unter Placebo 1 Prozent. Bei höheren Dosen kommt es häufiger vor. Bildet sich nach Absetzen meist zurück, aber nicht immer vollständig.
- Libidoverlust und Erektionsprobleme: gleiche Ursache, gleiche Dosisabhängigkeit.
- Zyklusstörungen bei Frauen: häufig bei der dermatologischen Dosierung.
- Nierenwerte: gehören bei längerer Anwendung kontrolliert.
Verträglichkeit
Häufigkeit in drei Studien
Von 100 Teilnehmenden je Gruppe: wie viele das Ereignis hatten. Jede Zeile stammt aus einer anderen Studie mit anderen Menschen.
| Ereignis | Placebo | Spironolacton |
|---|---|---|
| Brustschwellung oder -schmerz (Männer, RALES)1 | 1 % | 10 % |
| Zu hohes Kalium (TOPCAT)3 | 9 % | 19 % |
| Kopfschmerzen (SAFA)4 | 12 % | 20 % |
In RALES war schwere Hyperkaliämie in beiden Gruppen selten, in PATHWAY-2 stieg das Kalium bei 6 von 285 einmal über 6,0 mmol/l. In TOPCAT stieg zudem das Kreatinin. In SAFA gab es keine schweren Nebenwirkungen.1342
Lagerung
Trocken, bei Raumtemperatur und vor Licht geschützt lagern. Außerhalb der Reichweite von Kindern.