Was ist Tretinoin?
Tretinoin ist all-trans-Retinsäure, die aktive Säureform von Vitamin A. Dein Körper stellt sie in kleinen Mengen selbst aus Retinol her, als Creme wird sie direkt auf die Haut aufgetragen. Chemisch ist sie die Schwester von Isotretinoin (13-cis-Retinsäure), das oral eingesetzt wird, die Wirkung der Creme bleibt aber dort, wo sie aufgetragen wird.
Entwickelt wurde Tretinoin in den 1960er Jahren für die Akne-Forschung, seit den 1970ern ist es als Creme zugelassen. In den 1980ern fiel auf, dass sich unter der Akne-Creme auch Fältchen und Pigmentflecken veränderten. Seitdem ist Tretinoin die Referenzsubstanz, an der jedes neue Mittel gegen lichtbedingte Hautalterung gemessen wird.
Im Katalog gibt es Tretinoin als Creme in der 20-g-Tube, in den Konzentrationen 0,05 % und 0,1 %. Beide liegen in dem Bereich, den die Studien untersucht haben, nämlich 0,025 bis 0,1 %.
Diese Information dient ausschließlich Forschungs- und Bildungszwecken. Keine medizinischen Empfehlungen.
Wie es wirkt
Tretinoin wandert in die Hautzellen und bindet dort an Retinsäure-Rezeptoren (RAR) im Zellkern, in der Haut vor allem an den Typ gamma. Der Rezeptor schaltet daraufhin Gene an und aus. Das Ergebnis in der Oberhaut: die Keratinozyten teilen sich schneller, die Hornschicht wird dünner und gleichmäßiger. Verhornte Pfropfen in den Talgdrüsenfollikeln lösen sich. Genau deshalb gehen Mitesser in den Studien unter Tretinoin zurück. Neue bilden sich seltener.
In der Lederhaut läuft ein zweiter Mechanismus. UV-Licht aktiviert den Transkriptionsfaktor AP-1, der wiederum Matrix-Metalloproteinasen hochfährt, also Enzyme, die Kollagen abbauen. Tretinoin unterdrückt AP-1 und damit diese Enzyme. Die Arbeitsgruppe um Fisher und Voorhees zeigte das 1997 im New England Journal of Medicine an bestrahlter Haut: vorher aufgetragenes Tretinoin hemmte die Enzyminduktion um 70 bis 80 Prozent. Parallel steigt die Neubildung von Prokollagen, in der 2-Jahres-Studie von Kang et al. war der Marker dafür nach zwölf Monaten signifikant erhöht.
Ins Blut gelangt dabei fast nichts. Latriano und Kollegen maßen 1997 mit radioaktiv markiertem Tretinoin eine Aufnahme über die Haut von rund 2 Prozent nach einer Einzeldosis und 1,1 Prozent nach über einem Jahr täglicher Anwendung. Die Plasmaspiegel von Tretinoin und seinen Abbauprodukten blieben im Bereich der körpereigenen Werte. Die Wirkung ist also lokal. Deshalb unterscheidet sich das Nebenwirkungsprofil grundlegend von oralem Isotretinoin.
Anwendung und Dosierung
Was die Forschung zeigt
Weiss et al. (JAMA 1988) haben Tretinoin über die Akne hinaus bekannt gemacht. 30 Teilnehmer trugen 16 Wochen lang Tretinoin auf einen Unterarm und das wirkstofffreie Vehikel auf den anderen, die Hälfte zusätzlich Tretinoin ins Gesicht. Alle Tretinoin-Arme verbesserten sich messbar, kein Vehikel-Arm. 14 von 15 Gesichtern unter Tretinoin verbesserten sich, keines unter Vehikel. Auch unter dem Mikroskop zeigten sich signifikante Veränderungen. Sie betrafen nur die Haut unter Tretinoin.
Griffiths et al. (Archives of Dermatology 1995) beantworteten die Frage nach der Konzentration: 99 Teilnehmer, 0,1 % und 0,025 % Creme gegen Vehikel, doppelblind über 48 Wochen. Beide Konzentrationen verbesserten die Lichtalterung in gleichem Maß und verdickten die Epidermis um rund 30 Prozent, 0,1 % reizte die Haut aber signifikant häufiger. Das ist der wichtigste Datenpunkt für die Wahl der Konzentration.
Kang et al. (American Journal of Clinical Dermatology 2005) lieferten die längste placebokontrollierte Studie: 204 Teilnehmer mit mittlerer bis schwerer Lichtalterung des Gesichts trugen zwei Jahre lang 0,05 % Emollient-Creme oder Placebo auf. Feine und grobe Falten, fleckige Pigmentierung und fahler Teint verbesserten sich signifikant gegenüber Placebo. Die Gewebeproben zeigten keine Zunahme atypischer Zellen und keinen Schaden an der Hornschicht, dafür einen signifikanten Anstieg des Prokollagen-Markers nach zwölf Monaten.
Fisher et al. (NEJM 1997) erklären den Mechanismus an 59 Freiwilligen: eine einzige UV-Bestrahlung erhöhte drei kollagenabbauende Enzyme und steigerte den Kollagenabbau um 58 Prozent, vorher aufgetragenes Tretinoin hemmte die Enzyminduktion um 70 bis 80 Prozent. Latriano et al. (JAAD 1997) lieferten die Pharmakokinetik: rund 2 Prozent Aufnahme über die Haut nach Einzeldosis und nach 28 Tagen, nur noch 1,1 Prozent bei Teilnehmern mit über einem Jahr Anwendung. Die körpereigenen Plasmaspiegel veränderten sich nicht.
Zur Akne ist die Studienlage noch breiter. Topische Retinoide gelten in den Akne-Leitlinien der amerikanischen und europäischen Dermatologen als Grundpfeiler. Tretinoin ist der älteste Vertreter dieser Gruppe. Zum Haarwuchs gibt es dagegen nur dünne Daten: eine kleine Arbeit von 1986 prüfte Tretinoin allein und zusammen mit Minoxidil, seitdem ist wenig nachgekommen.
Tretinoin und Isotretinoin: der Unterschied
Beide sind Retinsäuren, beide stammen von Vitamin A ab. Trotzdem sind es zwei verschiedene Werkzeuge. Tretinoin wirkt dort, wo es aufgetragen wird: in der Oberhaut und der oberen Lederhaut. Isotretinoin wird geschluckt, verteilt sich im ganzen Körper, verkleinert die Talgdrüsen und bringt ein strenges Sicherheitsprofil mit, allen voran die Fruchtschädigung.
Daraus folgt die Arbeitsteilung in der Forschung: Tretinoin bei leichter bis mittlerer Akne, Mitessern, Pigmentflecken und Lichtalterung, Isotretinoin bei schwerer, vernarbender Akne. Beide zusammen auf der Haut addieren Trockenheit und Reizung, weshalb die Literatur davon abrät, topische Retinoide während einer Isotretinoin-Kur weiterzuführen.
Adapalen, ein synthetisches Retinoid der dritten Generation, bindet selektiver an die Rezeptoren und ist lichtstabil. Es reizt weniger, hat bei Lichtalterung aber deutlich weniger Daten als Tretinoin.
Nebenwirkungen
- Retinoid-Dermatitis: Rötung, Schuppung, Brennen, Trockenheit und Spannungsgefühl, vor allem in den ersten 2 bis 4 Wochen. Das ist der häufigste Effekt überhaupt und der Grund für das Einschleichen. Bei Griffiths et al. war die Reizung unter 0,1 % signifikant häufiger als unter 0,025 %, bei gleicher Wirkung. Wird es zu viel: eine Nacht pausieren, Feuchtigkeitscreme, nicht die Menge erhöhen.
- Erstverschlechterung bei Akne: in den ersten Wochen können mehr Pickel auftauchen, weil verstopfte Follikel ausräumen. Das legt sich meist bis Woche 6 bis 8.
- Lichtempfindlichkeit: die Haut unter Tretinoin verbrennt schneller. Sonnenschutz ist keine Option, sondern Teil der Anwendung.
- Pigmentverschiebungen: selten hellere oder dunklere Flecken, meist vorübergehend, häufiger bei dunkleren Hauttypen und bei gereizter Haut.
- Schwangerschaft: Retinoide gelten in der Schwangerschaft als ausgeschlossen. Eine Metaanalyse im British Journal of Dermatology (2015) fand bei 654 exponierten Schwangerschaften zwar keinen signifikanten Anstieg von Fehlbildungen, war aber nach eigener Aussage zu klein, um Sicherheit zu belegen. Die Regel bleibt deshalb: nicht in der Schwangerschaft, nicht bei Kinderwunsch.
- Wechselwirkungen auf der Haut: Benzoylperoxid kann Tretinoin oxidieren, alkoholhaltige Toner, Peelings und mechanische Scrubs verstärken die Reizung. Waxing und Laser an den Stellen, auf die du Tretinoin aufträgst, in den Tagen davor und danach vermeiden.
Lagerung
Tube fest verschlossen bei Raumtemperatur lagern, 15 bis 25 °C, vor Licht und Hitze geschützt. Tretinoin ist licht- und oxidationsempfindlich, deshalb gehört die Tube nicht ans Fenster und nicht neben die Heizung im Bad. Nicht einfrieren. Nach Anbruch innerhalb der auf der Packung angegebenen Frist aufbrauchen. Außerhalb der Reichweite von Kindern.