Was ist Insulin Glargin?
Insulin Glargin (Markenname Lantus) ist ein langwirksames Insulinanalogon, das als Basalinsulin entwickelt wurde. Basal heißt: es deckt den mahlzeitenunabhängigen Grundbedarf ab, nicht die Spitzen nach dem Essen. Genau darin unterscheidet es sich von schnellwirksamen Insulinen wie Aspart oder Lispro, die auf den Glukoseanstieg nach einer Mahlzeit zugeschnitten sind.
Gegenüber humanem Insulin sind zwei Änderungen eingebaut: An Position A21 steht Glycin statt Asparagin. Am Ende der B-Kette hängen zwei zusätzliche Arginin-Reste. Das Ergebnis ist ein Molekül mit verschobenem isoelektrischem Punkt - und daraus folgt das gesamte Wirkprofil.
Diese Information dient ausschließlich Forschungs- und Bildungszwecken. Keine medizinischen Empfehlungen.
Vergleich
Schnell und lang wirksame Insuline
Alle wirken am selben Insulin-Rezeptor, sie unterscheiden sich im Zeitprofil, so wie im TPD-Lexikon beschrieben. Ein Klick öffnet den Eintrag.
Vereinfacht: Lang wirksame Insuline decken den Grundbedarf über den Tag, schnelle den Anstieg nach dem Essen. Vertauscht ist eines der klassischen Risiken. 7
Wie es wirkt
Der Trick steckt nicht im Rezeptor, sondern im Depot. In der sauren Lösung im Pen liegt Glargin klar gelöst vor. Sobald es im neutralen Milieu des Unterhautfettgewebes landet, fällt es sofort als feines Mikropräzipitat aus. Aus diesem Depot löst sich der Wirkstoff langsam und gleichmäßig wieder heraus, über rund einen Tag verteilt.
Im Gewebe wird Glargin dabei am Ende der B-Kette abgebaut, sodass im Blut überwiegend der aktive Metabolit M1 zirkuliert. Am Insulinrezeptor selbst wirkt die Substanz dann wie körpereigenes Insulin: Glukose wandert in Muskel- und Fettzellen, die Leber drosselt ihre eigene Glukoseproduktion, die Lipolyse wird gehemmt.
- Löslich bei saurem pH: klare Lösung im Pen, keine Trübung, kein Aufschütteln nötig.
- Ausfällung bei neutralem pH: Mikropräzipitat direkt nach der Injektion unter der Haut.
- Langsame Rücklösung: gleichmäßige Freisetzung ohne Wirkgipfel.
Wirkorte
Wo Insulin Glargin in Studien wirkte
Punkt oder Karte antippen. Farbe = Insulin-Rezeptor, grau = in Studien beobachtet.
- Unterhautfett (Depot)
Flache Freisetzung ohne Gipfel über rund 22 Stunden1
In Studien beobachtet - Nüchternzucker
Stärker gesenkt als unter NPH-Insulin2
INSR - Gehirn
Schwere Unterzuckerung in ORIGIN mehr als dreimal so häufig5
In Studien beobachtet - Herz und Gefäße
Herz-Kreislauf-Ereignisse über 6,2 Jahre unverändert5
In Studien beobachtet
Ziele in der Datenbank ChEMBL7
Wirkstoff CHEMBL1201497: ein erfasster Mechanismus, Agonist mit direkter Bindung an den menschlichen Rezeptor.
- Gen
- INSR
- UniProt
- P06213
- ChEMBL
- CHEMBL1981
- Wirkung
- Agonist, direkte Bindung
Das peaklose 24-Stunden-Profil
Lepore et al. verglichen im Jahr 2000 unter isoglykämischem 24-Stunden-Clamp Glargin, NPH-Insulin, Ultralente und eine kontinuierliche Pumpen-Infusion. Das Bild war eindeutig: NPH und Ultralente zeigten einen deutlichen Wirkgipfel nach rund 4,5 beziehungsweise 10 Stunden mit anschließendem Abfall. Glargin zeigte gar keinen. Der Wirkbeginn lag bei rund 1,5 Stunden, das Wirkende bei 22 Stunden gegenüber 14 Stunden bei NPH.
Daher der Begriff peakless. Praktisch bedeutet das: eine Gabe pro Tag, ein flaches Grundniveau statt einer Welle und weniger Abhängigkeit vom exakten Zeitpunkt der Mahlzeiten.
Was peaklos nicht bedeutet, ist berechenbar. Heise et al. maßen 2004 unter Clamp-Bedingungen die Schwankungsbreite der Wirkung von Tag zu Tag: Glargin war gleichmäßiger als NPH, aber schwankender als Insulin Detemir. Ein flaches Profil im Mittelwert schließt Abweichungen im Einzelfall nicht aus.
Dosierung
Dosierung
Dosierung, Titrationsplan und Spritze
Die Dosierung wird geladen …
- Einstieg und Steigerung als Treppe
- Einheiten auf der U-100-Spritze je Stufe
- Wie lange ein Vial reicht
Was die Forschung zeigt
Ratner et al. behandelten im Jahr 2000 534 Erwachsene mit Typ-1-Diabetes über bis zu 28 Wochen. Unter Glargin lagen die Nüchternwerte niedriger, gleichzeitig traten weniger symptomatische Unterzuckerungen auf (39,9 gegenüber 49,2 Prozent) und weniger nächtliche Ereignisse (18,2 gegenüber 27,1 Prozent) als unter NPH.
Riddle et al. erreichten 2003 in der Treat-to-Target-Studie an 756 Personen mit Typ-2-Diabetes mit Glargin und NPH praktisch identische HbA1c-Werte. Der Unterschied lag woanders: rund ein Viertel mehr Teilnehmer erreichten das Ziel ohne dokumentierte nächtliche Unterzuckerung.
Die größte Datenbasis liefert ORIGIN (NEJM 2012). 12.537 Menschen mit kardiovaskulären Risikofaktoren und gestörtem Glukosestoffwechsel wurden über median 6,2 Jahre auf Glargin oder Standardversorgung randomisiert. Kardiovaskulär war das Ergebnis neutral, bei Krebserkrankungen ebenfalls - was die damals diskutierte Malignom-Frage weitgehend entschärfte. Die Nebenwirkungen unterschieden sich dagegen klar: schwere Unterzuckerungen traten unter Glargin mehr als dreimal so häufig auf (1,00 gegenüber 0,31 pro 100 Personenjahre), das Gewicht stieg im Median um 1,6 kg statt um 0,5 kg zu fallen.
ORIGIN ist damit beides gleichzeitig: der beste Beleg für die Langzeit-Sicherheit der Substanz und der beste Beleg dafür, dass Hypoglykämie kein Randphänomen ist, sondern der Preis der Hauptwirkung.
Studienergebnisse
Was die Studien gemessen haben
Zum Ausprobieren: Reiter wechseln, Punkte antippen, Arme aus- und einblenden. Die Arme heißen relativ zueinander, keine Dosisempfehlung.
Beginn und Ende der Wirkung1
Stunden nach der Gabe, 20 Menschen mit Typ-1-Diabetes, 24-Stunden-Clamp
Werte aus dem Abstract, Mittelwerte. Glargin verlief flach wie eine Insulinpumpe, NPH und Ultralente stiegen zu einem Gipfel und fielen dann ab.
Zielwert ohne nächtliche Unterzuckerung3
Anteil mit HbA1c von höchstens 7 % ohne dokumentierte nächtliche Unterzuckerung, 756 Teilnehmende, 24 Wochen
HbA1c lag am Ende praktisch gleich (6,96 gegen 6,97 %), etwa 60 % erreichten mit beiden Insulinen den Zielwert. Der Unterschied liegt in den nächtlichen Unterzuckerungen.
Gewicht über 6,2 Jahre5
Mediane Veränderung in kg, 12.537 Teilnehmende
Glargin zielte auf einen normalen Nüchternzucker. Herz-Kreislauf-Ereignisse (2,94 gegen 2,85 je 100 Personenjahre) und Krebs unterschieden sich nicht.
Forschungsstand
Studienlage
Insulin Glargin ist seit 2000 zugelassen. Im Register ClinicalTrials.gov nennen über 700 Studien Insulin Glargin unter den Interventionen, oft als Vergleich. Gezeigt ist die registrierte Studie aus diesem Eintrag. Stand 25.10.2026. 6
- Präklinik Molekül-Design: Depot durch zwei Änderungen am Insulin
- Phase 1 keine registrierte Studie
- Phase 2 keine registrierte Studie
- Phase 3 1 Studie, 1 abgeschlossen
- Zulassung seit 2000
Alle 1 Studie aus Phase 3 im ZeitverlaufZeitverlauf ausblenden
ORIGIN · NCT00069784 · 12.537 Teilnehmende, Start 08/2003, Hauptendpunkt erreicht 12/2011.
Registereintrag ↗ · Ergebnisse: ORIGIN Trial Investigators, New England Journal of Medicine, 2012
Balken: Start bis Hauptendpunkt (bei laufenden Studien geplant). Grün = abgeschlossen, blau = Fortschritt bis 25.10.2026.
Hypoglykämie - das zentrale Risiko
Das Risiko kommt nicht von unbekannten Nebenwirkungen, sondern von der Hauptwirkung. Die Substanz senkt den Blutzucker über rund 24 Stunden verlässlich und dosisproportional. Sie hört nicht auf, wenn ein sicherer Wert erreicht ist.
- Symptome der Reihe nach: Zittern, Schwitzen, Herzrasen, Heißhunger, Nervosität. Dann Konzentrationsstörungen, verwaschene Sprache, Verwirrtheit, aggressives oder verlangsamtes Verhalten. Bei weiterem Abfall Krampfanfall, Bewusstlosigkeit, Tod.
- Keine Rücknahme: das Mikropräzipitat unter der Haut lässt sich nicht entfernen, nicht neutralisieren, nicht abkürzen. Eine zu hohe Dosis muss vollständig ausgesessen werden - unter Beobachtung und mit wiederholter Zufuhr von Kohlenhydraten. Eine einmalige Zuckergabe deckt ein 24-Stunden-Fenster nicht ab.
- Schnelle Kohlenhydrate vorher griffbereit: Traubenzucker, Saft oder gezuckerte Getränke gehören vor die Applikation auf den Tisch, nicht in den Schrank. Fett- oder proteinhaltige Nahrung wirkt zu langsam.
- Nie allein, nie ohne Messung: ohne Blutzucker-Messgerät gibt es keine objektive Rückmeldung. Der subjektive Eindruck ist bei fallendem Wert unzuverlässig. Die kognitive Beeinträchtigung setzt genau dann ein, wenn eigenständiges Gegensteuern nötig wäre. Wer bereits verwirrt ist, kann sich in der Regel nicht mehr selbst helfen.
- Nachts besonders kritisch: weil ein relevanter Teil des Wirkfensters in den Schlaf fällt, können die Warnsymptome verschlafen werden.
- Alkohol und Belastung: Alkohol hemmt die Glukoneogenese in der Leber und schaltet damit die körpereigene Gegenregulation aus. Muskelarbeit erhöht die insulinunabhängige Glukoseaufnahme zusätzlich.
Bei Verwirrtheit oder Bewusstseinstrübung ist der Notruf die einzig richtige Reaktion.
Verträglichkeit
Unterzuckerung gegen NPH-Insulin
Von 100 Teilnehmenden je Gruppe: wie viele das Ereignis nach der Einstellphase, bis zu 28 Wochen hatten.
Werte aus dem Abstract, gezählt ab dem ersten Monat. In der ORIGIN-Studie waren schwere Unterzuckerungen unter Glargin mehr als dreimal so häufig wie unter Standardversorgung (1,00 gegen 0,31 je 100 Personenjahre).25
Nebenwirkungen
- Kaliumverschiebung: Insulin transportiert Kalium nach intrazellulär. Der Serumwert fällt, ohne dass sich der Gesamtbestand ändert. Eine ausgeprägte Hypokaliämie kann Herzrhythmusstörungen auslösen. Dieses Risiko ist unabhängig vom Blutzucker - Kohlenhydrate allein korrigieren es nicht.
- Gewichtszunahme: in ORIGIN im Median 1,6 kg über die Studiendauer.
- Verwechslungsgefahr: Basal- und Mahlzeiteninsulin sind beide klare Lösungen in optisch ähnlichen Pens. Die Verwechslung ist eine dokumentierte Medikationsfehler-Klasse, ebenso die Verwechslung von U100 und U300.
- Lokal: Reaktionen an der Einstichstelle, Lipohypertrophie bei wiederholter Injektion in dieselbe Region - mit dadurch unvorhersehbarer Aufnahme. Injektionsstellen rotieren.
- Weiteres: Natrium- und Wasserretention mit Ödemen, selten allergische Reaktionen.
Lagerung
Ungeöffnet im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad lagern, nicht einfrieren. Eingefrorenes Insulin ist unbrauchbar, auch nach dem Auftauen. Direkte Sonneneinstrahlung und Hitze meiden.
Im Gebrauch befindliche Pens werden bei Raumtemperatur aufbewahrt und nach der herstellerseitig angegebenen Anbruchfrist verworfen, unabhängig vom Restinhalt. Die Lösung ist klar - Trübung, Verfärbung oder sichtbare Partikel sind ein Ausschlusskriterium. Außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahren.